Geschichte und Geschichten

von und um unsere Linde

 

Aus Erzählungen meines Vaters weiß ich, dass unsere Linde im Jahr 1931, nach der Fertigstellung des Hauses Foltzring 17a, in dem sich unsere Buchhandlung „Der Goldene Schnitt“ befindet, gepflanzt wurde.

 

Meine Großmutter Barbara Juliane Fuhrmann geb. Gläßgen wurde nach dem Tode meiner Urgroßmutter Anna Maria Gläßgen geb. Mohr am 31 August 1918 zusammen mit ihrem Ehemann Philipp Fuhrmann Besitzerin des Anwesens Foltzring 17 und 17a.

Dies war kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges.

 

Damals war an der Stelle, an der sich heute unser Anbau mit Seminarraum befindet eine kleine Fabrikhalle, in der mein Urgroßvater Carl Gläßgen Farben und Lacke herstellte. Das Haus Foltzring 17a war noch nicht gebaut. An dieser Stelle war bis zum Bauantrag im Mai 1928 ein kleiner Garten.

 

Nachdem also der Neubau fertig gestellt war, wurde im Innenhof des Anwesens 17 und 17a eine Linde und eine Birke gepflanzt. Unter den Wurzeln der Linde soll – laut Erzählung meines Vaters Ludwig Fuhrmann- ein Behältnis mit Münzen und einer aktuellen Zeitung vergraben worden sein. Somit hatte die Linde schon damals eine besondere Bedeutung, sicher nicht in spiritueller Richtung, wie wir dies heute empfinden. Dazu waren die Zeiten zu hart. Mein Großvater Philipp war schon vor dem Krieg  selbstständig gewesen. Er hatte große Maschinenvertretungen für Elsass-Lothringen, Saarland und die Pfalz. Nach 1918 blieb nur die Pfalz übrig. Er baute also parallel sein Geschäft und das Haus 17a auf. Krönender Abschluss war das Pflanzen der Linde und der Birke. Linde und Birke waren das Symbol für die Heimat, so wie sie im Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ besungen wird.

 

Linde und Birke überlebten auch den Zweiten Weltkrieg. Das Haus Foltzring 17 nicht. Es wurde von einer Brandbombe getroffen und zerfiel in Schutt und Asche. Ob die Bäume ihren Besitzern die Kraft gaben, sich sofort wieder an den Aufbau zu machen weiß ich nicht. Meine Oma war 1945, nach der Rückkehr meines Onkels Karl Fuhrmann aus der Gefangenschaft gestorben. Im Hause 17a wohnte meine Tante Erna Zoller geb. Fuhrmann mit ihrem Mann Alfons und meinem Vetter Hugo. Wir, meine Eltern, meine Schwestern und ich zogen erst Mitte Dezember 1949 aus dem Rheinland in die Pfalz.

 

Im Sommer 1948 durfte ich mit meinem Onkel Karl als achtjähriges Mädchen zum ersten Mal nach Frankenthal fahren. Das Haus Foltzring 17 war im Rohbau, gemauert aus abgeklopften Steinen des alten Hauses und mit 6350 Stück Backsteinen, die mein Onkel vom Vetter meiner Großmutter, dem Hauptlehrer Karl Mappes am 12.10.1947 erwarb. (Die Quittung ist heute noch in meinem Besitz).

 

Für mich, die ich aus einem ganz kleinen Dorf in der Eifel kam, war alles was mit diesem Sommer in Verbindung war, ein riesiges Erlebnis. Ich durfte mit Onkel und Tante Schwarztrauber, meinen Vettern Manfred und Hugo und mit meiner Kusine Heidi ins Strandbad. Ich habe noch ein Bild von uns allen, auf dem man im Hintergrund die dunkle Explosionswolke der BASF erkennen kann.  Kurze Zeit später gab es ein riesiges Gewitter. Dieses Gewitter überlebte die Birke nicht. Sie wurde entwurzelt. Als wir das Badezimmerfenster öffneten, kam uns ihr Baumwipfel entgegen.

 

Linde und Birke waren bestimmt als kleine Bäume zu nah beieinander bepflanzt worden. Also hätte im Laufe der Zeit ein Baum weichen müssen. Mutter Natur hat diese Entscheidung mit dem Sommergewitter des Jahres 1948 vorweggenommen.

 

Das nächste Ereignis, das die Bewohner des Anwesens 17 und 17a mit der Linde in Zusammenhang brachte, war das Jahr 1956. Im Sommer 1956 starben drei Bewohner:

mein Onkel Alfons Zoller, Herr Busch, der im Geschäft 17a einen Elektroladen hatte und Herr Maurer, der in der alten kleinen Fabrikhalle Fahrräder verkauft und reparierte.

 

Seit Menschengedenken hatte die Linde immer geblüht, in diesem Jahr 1956 aber blühte sie nicht. Genau 10 Jahre später starb mein Onkel Karl. Auch in diesem Jahr blühte die Linde nicht. Abergläubig war ja niemand in meiner Familie (höchstens ein ganz klein wenig!)

 

Jedes Jahr nun wanderten einige verstohlene Blicke zur Linde, ob sie blühe oder nicht. Um es kurz zu machen, die Linde hat seit 1966 jedes Jahr geblüht, ob jemand nun gestorben ist oder nicht.

 

Seit über 70 Jahren lässt sie uns Bewohner und unsere Besucher bewusst oder unbewusst teilhaben an ihrer (spirituellen) Kraft.

 

Seit einigen Jahren „beschirmt“ sie auch unser Sommerfest

 

                                                        Waltraut Fuhrmannn

 

 

 

 

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